Was ist dein USP? Eyecatcher statt Schandfleck
Aktualisiert: 26. Okt. 2021
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Ich bin ja bekennender "Die Höhle der Löwen"-Gucker und die Frage von Frank Thelen: "Was ist dein USP?" ist fast schon legendär. Zugegeben, bevor es die Sendung gab habe ich vom USP
(=Unique Selling Point) noch nie etwas gehört, wahrscheinlich deshalb, weil ich noch nie vorher versucht hatte, selbst etwas an den Mann oder die Frau zu bringen. Seitdem ist mir dieser sagenumwobene USP immer im Gedächtnis geblieben, denn ganz oft hilft einem dieser Ausdruck bei bestimmten Themen, um sich und seine Arbeit selbst zu hinterfragen.
Beim USP geht es ja darum, ein Alleinstellungsmerkmal herauszuarbeiten oder zu definieren, "Was hebt mich von der Masse ab?" und "Warum bin ich besonders?"
Da ich durch und durch Planer bin, ging mir die Tage ein Licht auf, denn hey, dass ist genau das worum es in einem gelungenen Entwurf meistens geht - um den USP- also irgendwie jedenfalls.
Somit wollte ich diesem Thema heute einen Post widmen und euch einen Einblick geben, wie man denn eigentlich einen Entwurf aufbauen kann bzw. was der USP im Bereich Interior Design eigentlich bedeutet. Hierbei geht es aber gar nicht so sehr darum, das Rad neu zu erfinden und ein Gestaltungskonzept zu entwickeln was vorher noch keiner gesehen hat, sondern es geht, wie soll es anders sein, mal wieder um die Basis.
In keinem Projekt und keinem Grundriss ist einer wie der andere, ein USP kann also etwas sein was euren Grundriss, euer Projekt einzigartig macht. Damit wären wir eigentlich auch schon mitten im Thema, denn viele von euch werden jetzt vielleicht denken "OMG, meine Wohnung hat mehr Schandflecken als cooles USPs" - Wie soll das also gehen?
Genau das ist der Punkt, "Schandflecken", baulich relevante Details, die unschön aussehen, Türen die alt sind und vieles andere nicht als Makel zu sehen, sondern viel mehr darüber nachzudenken was man mit diesen Dingen tun könnte damit sie sich in etwas Cooles verwandeln.
Einen Schandfleck auch noch in Szene setzen - Was???
Während meines Studiums sagte einmal ein Professor zu mir: "Was man nicht vertuschen kann, das muss man inszenieren!" Diesen Satz habe ich bis heute nicht vergessen und benutze ihn selbst auch immer noch wahnsinnig gerne, denn er ist einfach so wahr.
Dinge die man vertuschen möchte, sind meistens Dinge, die man am liebsten entfernen möchte um sich stärker der "Norm" anzupassen, aber genau diese Dinge sind eigentlich ein perfekter USP, denn man wird sie nicht genauso auch woanders finden. Diese Dinge machen genau euer Projekt einzigartig und besonders. Zu Beginn eines Projektes schaue ich mir ganz oft den Grundriss oder die Gegebenheiten an und gucke "Was macht dieses Projekt aus?" Ich schaue z.B. ob es vielleicht ein speziell aussehendes Fenster oder eine Stütze gibt, die absolut im Weg ist. Vielleicht gibt es am Eingang auch ein furchtbar marodes Geländer was man eigentlich nur noch abreißen möchte oder man sieht in der Grundrissaufteilung etwas, dass ungünstig verteilt ist usw.
Diese Punkte muss man rausfiltern und schauen "Was davon sollte ich eventuell sinnvoll verändern, aber was davon gibt dem Projekt vielleicht auch Charakter? Was davon macht es zu dem was es ist?" Einige Dinge kann man sich dann vielleicht zunutze machen und sie in etwas ganz tolles, sehr individuelles verwandeln, denn das macht einen guten Entwurf letztlich aus, dieses kleine gewisse Etwas, dass kein Anderer hat. In dem Moment wo ich etwas inszeniere, betone ich es und mache es damit zum ,Eyecatcher'.
Ein Beispiel:
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Neulich zeigte mir eine Freundin ihren Grundriss für ihr neu geplantes Haus, in dem mitten im Flur eine hässliche konstruktive Stütze geplant wurde, die gefühlt einfach komplett im Weg steht. Manchmal lässt sich so etwas nicht vermeiden, weil es konstruktiv vielleicht notwendig ist, stellt aber gestalterisch ein Ärgernis dar. Das sind später dann leider diese Momente in denen jemand einen besucht und fragt: "Wieso steht hier eigentlich ein Pfeiler mitten im Weg?" Der Freundin sagte ich dann genau das was ich euch hier heute sage:
"Was man nicht vertuschen kann, dass muss man inszenieren!"
Natürlich muss man dann immer schauen wie das "Problem" eingebunden ist und welche anderen Probleme man damit ggf. lösen könnte. In diesem Falle ist es so, dass man am Eingang keine richtige Möglichkeit hat etwas abzustellen, es gibt kein Entrée, sondern man kommt ins Haus hinein und steht einfach direkt im Flur und mitten vor dieser Stütze. Um diese Situation in etwas gestalterisch Anspruchsvolles umzuwandeln, bei dem später jeder denken würde es sollte so sein, gab ich den Input, dass man vielleicht eine Art kleinen "Windfang" oder eine "Ankommsituation" gestalten könnte, wo man die Kids mal hinsetzten könnte, um ihnen die Schuhe anzuziehen oder die Tasche abzustellen. Darüber hinaus wollte sie gerne das Motiv solcher Holzlamellen an anderer Stelle im Haus gestalterisch einsetzen. Somit wäre dies doch eine super Gelegenheit, um dieses Motiv zu wiederholen und das Gesamtkonzeptkompletter zu machen, denn Wiederholungen von Gestaltungsmotiven sind enorm wichtig für ein stimmiges Gesamtkonzept, so wirken Dinge zusammengehörig.
Ein weiteres Beispiel ist dieses hier. Ja, schon wieder eine Stütze 🙈 Sie sind aber eben auch oft unschön...
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Oben seht ihr ein Doppelhaus mit zwei Parteien. Beide Haushälften wurden ursprünglich exakt gleich geplant. Im Zuge der Bauarbeiten wurden an der Treppe einfach zwei total hässliche Stützen gesetzt, von denen keiner etwas wusste, weil sie nicht in den Grundrissplänen aufgetaucht sind, sie waren aber konstruktiv notwendig und konnten daher nicht mehr entfernt werden.
Die eine Partei hat es so hingenommen und es quasi bei dem Schandfleck belassen. Auf der anderen Seite hatte ich die Planung und habe sofort entschieden, dass das auf keinen Fall so bleiben kann. Somit hieß es gestalterisch kreativ werden und eine Lösung dafür finden wie man diese Treppe mit den Stützen gestalterisch in Einklang bringen kann. Ursprünglich sollte alles einen offenen Charakter haben, dieses Konzept wurde damit also komplett zerschossen. Die Stützen würden in Haushälfte 2 in ein architektonisches Element verwandelt und eine gänzlich andere Treppe eingesetzt. Entstanden ist schlussendlich aber eine super coole, einzigartige Treppe, von der man kaum erahnen kann, dass sie ganz anders hätte sein sollen.
Diese Herangehensweise lässt sich auch auf viele weitere "Schandflecken" übertragen. Ein Träger beispielsweise, der unschön an der Decke mitten durchs Zimmer geht, kann mit einer dekorativen Holzschalung versehen werden und sieht plötzlich super urig aus. Eine Tür, die vielleicht als einzige im Haus anders sein muss, weil sie eine spezielle Funktion erfüllt (z.B. Brandschutz), könnte doch dann auch speziell inszeniert werden und somit ganz bewusst anders aussehen als alle anderen - auch sie könnte ein ,Eyecatcher' sein, z.B. in einer coolen Bar oder einem Restaurant. Dort könnte ein cooler Print drauf sein oder sie hat eine Hinguckerfarbe. Auch eine Gastherme z.B., die unschön in der Küche hängt oder im Bad, die man vielleicht ganz clever mit einbaut und ihr eine witzige "Zusatzfunktion" gibt oder was auch immer, kann so zum Hingucker werden.
Manchmal kann es vielleicht sogar auch ratsam sein, den "Schandfleck" künstlich an anderer Stelle zu wiederholen um allem eine gestalterische Logik zu geben - eben so, als sollte es einfach so sein.
Eine andere Freundin von mir wohnt in einer Altbauwohnung in Berlin. Als sie sich die Küche neu einrichten wollte, ist bei der Montage der Schränke irgendwie der Putz ziemlich stark herunter gekommen und es gab ein unschönes Loch an der Wand. Was nun..? Im ersten Moment war das auf jeden Fall super ärgerlich, aber ohne Witz, sie hat schlussendlich einfach den kompletten Putz von der Wand abgeschlagen und eine richtig geile rohe Backsteinwand hervorgeholt, die sie einfach komplett so gelassen hat. Plötzlich wirkte der klassizistische Altbau wie ein NY-Loft! Mehr Schandfleckinszenierung geht echt nicht!
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